Palliativstation Tag 9

Heute habe ich mal eine Stunde länger geschlafen, weil mein Schlaf gegen halb zwölf durch den lauten Fernseher unterbrochen wurde. Der Zimmerkollege schlief währenddessen. Mich hat das derartig aufgeregt, dass trotz Blasendruck nur schwer Wasser lassen konnte und danach mehr als eine Stunde gebraucht habe, um wieder einzuschlafen. Besonders erschreckend finde ich heute, daß ich in dieser Situation sehr aggressiv war, so dass ich fast den Fernseher von der Wand gerissen hätte. Sind das die Situationen mit dem Adrenalin Überschuss, die einen Menschen zum Mörder oder Amokläufer machen?

Durch Zufall (oder ?) habe ich heute ein Buch entdeckt, Harald Welzer: TÄTER, Wie aus
ganz normalen Menschen Massenmörder werden, das mit folgendem Zitat beginnt:

Wenn Menschen, die eine gleiche Erziehung genossen haben wie ich,
die gleichen Worte sprechen wie ich und gleiche Bücher,
gleiche Musik, gleiche Gemälde lieben wie ich, wenn
diese Menschen keineswegs gesichert sind vor der
Möglichkeit, Unmenschen zu werden und Dinge zu tun,
die wir den Menschen unserer Zeit, ausgenommen die pathologischen
Einzelfälle, vorher nicht hätten zutrauen können,
woher nehme ich die Zuversicht, daß ich davor gesichert sei?
Max Frisch, 1946

Diese Sicherheit gibt es wohl nicht, auch wenn man glauben möchte, dass Menschen, die weder Bücher lesen, noch Musik hören und mit jedweder Kunst nichts anfangen können, eher gefährdet sind derartig zu verrohen.

Nach der Visite gilt als gesichert, dass ich morgen nach Hause kann. Also noch eine Nacht mit oberflächlichem Schlaf ohne REM Phase und dem morgentlichen Bedürfnis  nach Fenchel Tee.

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