Palliativstation Tag 7

Es regnet. Es ist 4.15 Uhr. Ich bin wach und so gut wie schmerzfrei bis auf Schmerzen im rechten Knie und linken Arm. Auch die Fibromyalgie Schmerzen nehmen wieder zu, sind aber erträglich. 

Ich kann es immer noch kaum glauben, dass ich ab jetzt ohne starke Schmerzen leben darf und trotzdem einigermaßen bei Verstand bin. Wobei ich für möglich halte, ich bilde mir nur ein, wieder ein richtiges Leben zu haben mit auch später noch erinnerbaren Emotionen. 

Was auch weiterhin nachläst: meine Fähigkeit zur Erinnerung. Ohne meine Notizen in einer Cloud kann ich mich nur an sehr wenige Passworte erinnern. Meine Rentenversicherungsnummer habe ich auswendig gewusst, jetzt muss ich erst einmal nachschauen. Ohne WWW wäre ich aufgeschmissen. Nicht mal die Medikamente, die ich z. Zt. einnehme, kann ich vollständig nennen. Ich muss dringend wieder Ergotherapie Übungen machen und die Terraband Übungen fortsetzen. 

Palliativstation Tag 6

4.10 Für mich ist die Nacht vorbei. Schmerzniveau eine erstaunliche 2 in Ruhe, 3 in Bewegung. Könnte der erste gute Tag seit Jahren werden. 

Der Kirchenmann hatte gestern eine erstaunliche Frage an mich: Über was haben Sie sich in den letzten drei Jahren gefreut. Obwohl ich sicher bin, daß es etwas gegeben haben muss, ist mir nichts eingefallen. Das hat mich sehr erschüttert. Es ist doch eher umgekehrt. Ich vergesse das Unangenehme oder beschönige es im Nachhinein, aber ich vergesse doch nicht das Schöne. Haben die Medikamente (Drogen), die ich bis letzten Sonntag genommen habe, meine Wahrnehmung so stark verändert. Werde ich deswegen manchmal nicht verstanden, nicht ernst genommen, gemieden? 

Ist mein Selbstbild so sehr viel anders als die Wahrnehmung anderer Menschen?

Bin ich der Vollpfosten, der Lebenshorst? 

Jetzt wo ich ihn bräuchte, hat Dominik aufgehört, aber die Zeit wäre auch verkehrt. Ich habe Krisen eher zwischen 3 und 5 Uhr. 

Noch min. drei Stunden bis zum Frühstück. 

Hugo Ball: Der grüne König

Hugo Ball: Der grüne König

Wir, Johann, Amadeus Adelgreif,

Fürst von Saprunt und beiderlei Smeraldis,

Erzkaiser über allen Unterschleif

Und Obersäckelmeister vom Schmalkaldis

Erheben unsern grimmen Löwenschweif

Und dekretieren vor den leeren Saldis:

„Ihr Räuberhorden, eure Zeit ist reif.

Die Hahnenfeder ab, ihr Garibaldis.

Man sammle alle Blätter unserer Wälder

Und stanze Gold daraus, soviel man mag,

Das ausgedehnte Land braucht neue Gelder.

Und eine Hungersnot liegt klar am Tag.

Sofort versehe man die Schatzbehälter

Mit Blattgold aus dem nächsten Buchenschlag.“

Palliativstation Tag 5

Nach zwei Tagen ohne Verdauung, habe ich zur Abwechslung heute mal Durchfall. 

Ansonsten alles wie immer, um 3.13 wird der Blutzucker gemessen, um 5.45 die Sonne in’s Zimmer gelassen. Fehlt nur noch „Kompanie… aufstehen!“ Das „Guten Morgen“ ist auf jeden Fall laut genug. 

Warten auf Frühstück. 

Vorher Massage, Visite, Dosis Erhöhung Pregabalin, Ketanest weitere 50 Stunden, Procain läuft

Übungen mit dem grünen Terraband

Reiner Ottersbach
Pastoralreferent in der Krankenhausseelsorge

kommt jetzt scheinbar jeden Tag, um mit mir über Gott und die Welt zu reden. 

Neues Schmerzpflaster Transtec Pro 70 Mikrogramm/h (PZN: 2515903) 

Neuer Zimmernachbar: Quatschtüte, Ehefrau, Sohn, Ehefrau haben offensichtlich nichts zu tun. Labern und Labern, sind laut. Ende nicht absehbar. 

Giuseppina Amodei

LUOGOMONDO – WELTORT

Zukunftsidee in Gedichtform

Wenn die Erde von allen ist

sei sie von allen

JETZT

nur jetzt

da jede Weltgegend im Blickfeld

jedes Menschen ist

JETZT

nur jetzt

da die Entfernung der Weltangelegenheiten

so kurz ist

und der Lauf der Ereignisse

die Zeit so sehr beschleunigt

JETZT

nur jetzt

da kein Winkel der Erde noch Geheimnisse hat

UND DESHALB

ist es nicht mehr möglich

gleichgültig zu bleiben

JETZT

und noch einmal

DER POESIESCHAFFENDE

ist aufgerufen seinen Teil zu leisten

DENN

er besitzt den RiesenÜberblick

fähig von oben in jede Scholle zu schauen

er besitzt die rasierklingenscharfe Sprache

um jeden Stacheldraht zu zerschneiden

er besitzt enorme Arme

fähig jeden Menschen

der zur Welt gehört und nicht nur zum Dorf

zu umarmen

er besitzt enorme Kelch-Hände

die jeden Samen und jede Brut kneten

er besitzt fähige Finger

um bunte Fäden aus Haut und Gedanken

ineinander zu verflechten

die auf langen realen und telematischen Wegen verlaufen

er besitzt unendlich viele Herzen

die im Gleichklang

gegen das Herz aller klopfen

er besitzt den Atem

(göttlich?)

der Gerechtigkeit nährt und das Feuer

der Gleichgültigkeit löscht

DIE JUGEND

die den Fortschritt nicht fürchtet

hat weder Angst bis zur Gefahr

der imaginären globalen Agora vorzudringen

noch auf realen Plätzen zu schreien oder das Bewusstsein

der sogenannten Mächtigen aufzurütteln

(das kann und soll)

die künftige Aufgabe sein für den

WIEDERAUFBAU

DENN

Der Erde

mangelt es weder

an Ort noch an

Traumidealisierung einer unmöglichen Gesellschaft

oder Illusionen

ABER

verwandle

DENKEN UND WIRKLICHKEIT

bewusst

JETZT

und nur jetzt

ist es möglich sich zu engagieren

um eine Welt zu erschaffen

in der

der Frieden Herrscher wird

die Erde verwandelt sich in

WELTORT

EIN RAUM FÜR ALLE

wo der Einzelne und die Gesellschaft

in der gemeinsamen Umarmung

die Wälle niederreißen

JETZT

und nur jetzt

ist die Zeit jenes Richtige

DIE ZEIT

des Menschen der das Blendwerk seiner selbst ablegt

wird nach einer Zeit

Vater Sohn Mutter Bruder Freund

Freier Surfer

auf dem Gebiet der Richtigen Dimension

Ins Deutsche übersetzt von Juana und Tobias Burghardt

Palliativstation Tag 4

Rums, Tür auf, Licht an. Laber – Laber. 

In der letzten Nacht war eine Nachtschwester aus einer anderen Zeit hier. Wenn die beiden Nächte vorher nicht friedlicher verlaufen wären, würde ich mich vielleicht nicht einmal wundern. 

Den Abschluss der Nacht bildete ein Gewitter mit Regen. Normalerweise sehr willkommen, aber irgendjemand hatte in der Nacht die Terrassentür abgeschlossen. 

Der Praktikant wusste nichts und hat auch keinen Schlüssel. Bin gespannt, was das wohl soll. 

Nach dem Gewitter wird es bei geschlossener Tür immer stickiger im Raum, Schmerzen sind zum ersten Mal wieder stärker. Läßt das Schmerzpflaster schon nach? Es dauert angeblich 12 Stunden bis die Wirkung eintritt. Wirkt es ab dann 72 Stunden oder incl. der 12 Stunden. Wann bekomme ich das nächste Pflaster? Ich schätze mal heute Nachmittag. 

Gegen die Schmerzen bekomme ich Arcoxia. Genau das wollte ich nicht mehr nehmen. 

Fragen für die Visite:

Ergebnis Röntgen; Warum bekomme ich bei zunehmendem Schmerz Arcoxia

Die Terrassentür war zu, weil sich dubiose Gestalten nachts auf dem Krankenhausgelände aufhalten. Also als Schutz für Patienten und Personal. 

8.30 Frühstück / Visite Ergebnis Röntgen vom Montag ist unbekannt, Arcoxia wird bei Schmerzen doch gegeben. 

Kann man im Krankenhaus gesund werden. Physisch ja. Aber die Nerven leiden. Von Ruhe und Erholung keine Spur, obwohl dieser Gebäudeteil weit ab vom Haupthaus liegt. Ich freue mich auf die neue Wohnung 

Ab 14.30 Allein im Zimmer. Wunderbar diese Stille. Klopf klopf – Das Bett wird neu bezogen, also das Nachbarbett und geputzt. Die Reinigungsdame bekommt währenddessen einen neuen Auftrag per Smartphone, Klingel mit voller Lautstärke 🔉 Danke dafür. Was ist aus der guten alten Betten Zentrale geworden. 

Jetzt habe ich endlich erfahren welcher Wirkstoff in meinem Schmerzpflaster ist: Buprenorhin, Wirkdauer 4 Tage, 75 Mikrogramm / Stunde

Gute Nacht 🌃 

Nachtrag: Der Perfuser schlug gerade Alarm, da die Nadel herausgerutscht ist. Tanja von der Intensivstation hat einen neuen Zugang gelegt, schnell und sorgfältig, professionell. Ach ja, und freundlich auch noch. 

Nasi Goreng

Nasi Goreng

Palliativstation Tag 3

Schmerzstufe 3 (auf der Scala von 1 bis 10). Schon seit dem Aufwachen im 5.30. 

Bleibt das so? Wird das noch besser? 

Die Laune ist noch verbesserungsfähig und die Menschen könnten weniger nervig sein. 

Selbst auf der Terrasse ist es heute zu heiß. Im Zimmer ist die Temperatur noch erträglich – 28,3°.

Eine weitere Verbesserung: Der Zimmergenosse wurde gerade zu einer Untersuchung gefahren. Von mir aus kann er länger weg bleiben. 

Bei den wenigen Krankenhausaufenthalten erlebe ich es immer wieder: Patienten beklagen sich, daß sie nachts nicht schlafen können. Tagsüber haben sie damit kein Problem, nutzen jede Gelegenheit zum Schlafen und schlafen so fest, daß sie auch von lauten Geräuschen nicht wach werden. 

Krankenhäuser sind scheinbar der richtige Ort alle möglichen Vollpfosten kennen zu lernen. Patienten und Personal, z. B. Praktikanten, stecken voller Vorurteile. Vorurteile hat wohl jeder, aber nicht alle Menschen präsentieren ihre Vorurteile voller Stolz auf dem Präsentierteller. 

In meinem Vorurteil „Frauen sind die besseren Menschen“ werde ich stündlich bestätigt. Trotzdem bleibt es ein Vorurteil. 

Meine Verwirrung nimmt zunächst zu. Nach der heutigen Visite fiel mir ein, dass ich nach einem neuen Schmerzpflaster fragen wollte. Montag Nachmittag habe ich das Pflaster zum ersten Mal bekommen, Wirkdauer 72 Stunden, Wirkungsbeginn nach 12 Stunden. Fand ich logisch heute morgen ein neues Pflaster zu bekommen. Heute ist Mittwoch. Finde den Fehler! 

Eine Stunde war ich allein mit gefühlten hundert Störungen. Der Zimmergenosse schläft tief und fest, sogar während der Praktikant  lautstark schwadroniert. 

Die einzige Möglichkeit endlich mal Ruhe zu haben: 🎧 + wegdrehen. 

Kein Kaffee ☕, kein Wasser und der Physiotherapeut sitzt mit seinem Smartphone spielend im Aufenthaltsraum 

Mir geht es immer noch gut, wie schon lange nicht mehr. Das kann gerne so bleiben. Störend ist jetzt nur noch die extreme Geräuschempfindlichkeit und der Wunsch allein zu sein. 

Die Spritze im Perfuser ist leer und das Gerät schlägt Alarm. Ich klingel, eine Hilfskraft kommt und will eine Fachkraft benachrichtigen. Die Fachkraft macht die Feststellung die Spritze wäre leer und geht wieder. Der Alarm geht weiter. Fünf Minuten später bringt die Fachkraft eine neue, gefüllte Spritze.