Im Lenz

von Gustav Mahler  

Sag‘ an, du Träumer am lichten Tag.
Was willst du heut‘ mit dem Bangen?
Du wandelst so stumm durch Lenz und Hag,
Als wärst du von Blindheit befangen.

„Ich bin nicht blind und sehe doch nicht,
Mir ist nicht dunkel und ist nicht licht.
Könnt‘ lachen und könnte weinen.
Doch sagen könnt‘ ich es keinem.“

O sieht dich die Sonne so freundlich an, 
Was sollen dir Schmerz und Reue?
Wirf ab deine Last, du trauriger Mann,
Und freu‘ dich an Sonne und Bläue.

„Mich freut keine Sonne, mich freut kein Blau
Und hab‘ doch den Frühling so gerne.
Ach, die ich allein nur am liebsten erschau,
Die weilt schon lang in der Ferne.“

Tränenreise

Tränen laufen leise,
schau ihnen hinterher.
Nächtliche Reise,
hinein ins Tränenmeer.
Wollte sie unterdrücken,
nur nicht untergehen.

Und die Tränen tropfen leise,
auf dem Boden der Nacht.
Sie spielen ihre eigene Weise,
haben Melodien gebracht.

Tränen laufen leise,
schau ihnen hinterher.
Nächtliche Reise,
hinein ins Tränenmeer.
Wollte sie unterdrücken,
nur nicht untergehen.

Halberfroren – Bitterkeit,
Gedankenreise hakt.
Festgefahren – Ausgebremst,
Gefühlsbeben versagt.

Tränen laufen leise,
schau ihnen hinterher.
Nächtliche Reise,
hinein ins Tränenmeer.
Wollte sie unterdrücken,
nur nicht untergehen.

Tränenstrasse – Tränenmeer,
im Herzwasser gefangen.
Schmerzlich – Schmerzhaft,
in Gedanken verfangen.

Tränen laufen leise,
schau ihnen hinterher.
Nächtliche Reise,
hinein ins Tränenmeer.
Wollte sie unterdrücken,
nur nicht untergehen.

Grosse Mädchen weinen nicht,
die sind furchbar stark.
Doch ich wein im Mondenlicht,
weil ich Schwäche mag.

Tränen laufen leise,
schau ihnen hinterher.
Nächtliche Reise,
hinein ins Tränenmeer.
Wollte sie unterdrücken,
nur nicht untergehen.

Grosse Mädchen haben Glück,
sie sind nicht zu verletzen.
Doch ich behalt ein Scherbenstück,
mein Herz tat sich zersetzen.

Tränen laufen leise,
schau ihnen hinterher.
Nächtliche Reise,
hinein ins Tränenmeer.
Wollte sie unterdrücken,
nur nicht untergehen.

Und ich ertrink,
in einem Meer aus Tränen 

© MoonlightY

Schlaflied für mein Herz

von Johan Ludvig Runeberg  

Schlaf, du unruhiges Herz, schlaf!
Vergiss vergang’ne Lieb und Leid;
Hoffnung nicht den Frieden störe,
Träume nicht deine Ruhe.

Warum blickst du zum Tage noch?
Sage doch, was mehr erhoffst du?
Für die Wunden, deine tiefen,
eine heilende Blume?

Mein armes Herz, schließe dein Aug‘;
Tagesrosen hast du erprobt;
bloß in des Schlafes Dunkelheit
keimt der heilende Stängel.

Schau, die Lilie, sie schlummert ein,
gebrochen durch des Herbstes Wind.
Schlaf wie der Hirsch, den sie jagten,
getroffen er verblutet.

Weshalb sorgen den Tag, der war?
Wozu denken, dass froh du warst?
Einmal muss der Frühling welken,
einmal die Freud im Herzen!

Deinen Maitag hast du geseh’n,
auch wenn dieser nicht ewig blieb!
Such nicht dessen milde Flamme
nun in des Winters Schatten.

Siehst du die frohen Stunden noch?
Der Hain war grün, der Vogel sang,
und dein liebevoller Tempel
war der duftende Hügel.

Spürst du noch der Umarmung Druck?
Fühlst du das Herz, das dich gesucht,
und der kussbedeckten Lippen
dahinscheidenden Schwüre?

Da, als Auge in Auge sah,
Gespür gespiegelt in dir lag,
da war Zeit zum Wachen, Herz mein,
nun zum Schlummern, Vergessen.

Schlaf, du unruhiges Herz, schlaf!
Vergiss vergang’ne Lieb und Leid;
Hoffnung nicht den Frieden störe,
Träume nicht deine Ruhe.

© Willi Grigor, 2016, 
Übersetzung aus dem Schwedischen:


Vaggsång för mitt hjärta

Sov oroliga hjärta, sov!
Glöm vad världen har ljuvt och lett ;
intet hopp din frid förstöre,
inga drömmar din vila.

Varför ser du mot dagen än?
Säg, vad väntar du mer av den?
För de djupa sår, kanhända,
någon helande blomma?

Arma hjärta, slut ögat till ;
dagens rosor du prövat nog ;
blott i sömnens dunkla lustgård
gror den stängel, dig läker.

Sov, som liljan, hon slumrar bort,
flyktigt bruten av höstens vind.
Sov, som hinden, tyngd av pilar,
somnar in och förblöder.

Varför sörja förflutna dar?
Varför minnas att sällt du var?
En gång måste våren vissna,
en gång glädjen, o hjärta!

Även du har din majdag sett ;
vad, fast icke den evig blev!
Sök blott ej dess milda låga
än bland vintriga skuggor.

Minns du sällhetens stunder än?
Lunden grönskade, fågeln sjöng,
och ditt kärleksfulla tempel
var den doftande kullen.

Minns du famnen, som slöt dig där?
Minns du hjärtat, som sökte dig?
Minns du än den kyssbetäckta
läppens domnande eder?

Då när öga i öga såg,
känsla speglad i känsla låg,
då var tid att vaka, hjärta,
nu att slumra och glömma.

Sov, oroliga hjärta, sov!
Glöm vad världen har ljuvt och lett ;
intet hopp din frid förstöre,
inga drömmar din vila.

 Weitere Gedichte von Johan Ludvig Runeberg

I Won’t Complain Songtext von Benjamin Clementine

 

I Won’t Complain Songtext

Its a wonderful life, its a wonderful life
Traversed in tears from the heavens
My heart is a mellow drum, a mellow drum in fact
Set alight by echoes of pain 24-7, 24-7

I dream, I smile, I walk, I cry
I dream, I smile, I walk, I cry

You might not say that its a wonderful world
and its a wonderful life
and its a wonderful day
Just as yesterday

But I Wont Complain
No I Wont Complain
Though my good days are far gone
They will surely come back one morn
So I Wont Complain, no, no

My mind is a mirror, a reflection only known to me
And for those who hate me, the more you hate me
the more you help me
And for those who love me, the more you love me
the more you hurt me

When i go to bed in the night, i see some children in the light
Fighting unknown shadows behind my mother’s back
And although I don’t understand my dreams i know somewhere
There is hope, theres is hope, somewhere there is hope

I dream, I smile, I walk, I cry
I dream, I smile, I walk, I cry

You might not say that its a wonderful world
and its a wonderful life
and its a wonderful day
Just as yesterday

But I Wont, Complain
I Wont Complain No, no,
no, no, no, no, no
no, no, no, no, no I won’t complain, no i won’t complain

Though my good days are far gone
They will surely come back one morn
So I won’t, I won’t Complain

Though my good days are far gone
They will surely come back one morn
So I won’t, I won’t Complain

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I Won’t Complain Songtext Übersetzung

Ich werde mich nicht beklagen

Es ist ein wundervolles Leben, es ist ein wundervolles Leben
Durchlaufen von Tränen des Himmels
Mein Herz ist eine sanfte Trommel, tatsächlich eine sanfte Trommel
Entzündet durch das Echo des Schmerzes 24/7, 24/7***

Ich träume, ich lächle, ich laufe, ich weine
Ich träume, ich lächle, ich laufe, ich weine

Du wirst nicht unbedingt sagen, dass es eine wundervolle Welt ist
und dass es ein wundervolles Leben ist
und dass es ein wundervoller Tag ist
So wie gestern

Aber ich werde mich nicht beklagen
Nein ich werde mich nicht beklagen
Auch wenn meine guten Zeiten lange vorbei sind
Sie werden sicherlich eines morgens wieder zurück sein
Also werde ich mich nicht beklagen, nein, nein

Meine Seele ist ein Spiegel, eine Reflexion die nur ich kenne
Und für die, die mich hassen:
Je mehr ihr mich hasst, desto mehr helft ihr mir
Und für die, die mich lieben:
Je mehr ihr mich liebt, desto mehr verletzt ihr mich

Wenn ich nachts zu bett gehe, sehe ich Kinder im Licht,
die unbekannte Schatten hinter dem Rücken meiner Mutter bekämpfen
Und auch wenn ich meine Träume nicht verstehe, weiß ich,
dass da Hoffnung ist, dass da Hoffnung ist. Irgendwo ist Hoffnung

Ich träume, ich lächle, ich laufe, ich weine
Ich träume, ich lächle, ich laufe, ich weine

Du wirst nicht unbedingt sagen, dass es eine wundervolle Welt ist
und dass es ein wundervolles Leben ist
und dass es ein wundervoller Tag ist
So wie gestern

Aber ich werde mich nicht beklagen
Ich werde mich nicht beklagen, nein, nein
nein (5x)
nein (5x) ich werde mich nicht beklagen

Auch wenn meine guten Zeiten lange vorbei sind
Sie werden sicherlich eines morgens wieder zurück sein
Also werde ich mich nicht, werde ich nicht beklagen

***24/7 – 24 Stunden, 7 Tage die Woche (die ganze Zeit)

Giuseppina Amodei

LUOGOMONDO – WELTORT

Zukunftsidee in Gedichtform

Wenn die Erde von allen ist

sei sie von allen

JETZT

nur jetzt

da jede Weltgegend im Blickfeld

jedes Menschen ist

JETZT

nur jetzt

da die Entfernung der Weltangelegenheiten

so kurz ist

und der Lauf der Ereignisse

die Zeit so sehr beschleunigt

JETZT

nur jetzt

da kein Winkel der Erde noch Geheimnisse hat

UND DESHALB

ist es nicht mehr möglich

gleichgültig zu bleiben

JETZT

und noch einmal

DER POESIESCHAFFENDE

ist aufgerufen seinen Teil zu leisten

DENN

er besitzt den RiesenÜberblick

fähig von oben in jede Scholle zu schauen

er besitzt die rasierklingenscharfe Sprache

um jeden Stacheldraht zu zerschneiden

er besitzt enorme Arme

fähig jeden Menschen

der zur Welt gehört und nicht nur zum Dorf

zu umarmen

er besitzt enorme Kelch-Hände

die jeden Samen und jede Brut kneten

er besitzt fähige Finger

um bunte Fäden aus Haut und Gedanken

ineinander zu verflechten

die auf langen realen und telematischen Wegen verlaufen

er besitzt unendlich viele Herzen

die im Gleichklang

gegen das Herz aller klopfen

er besitzt den Atem

(göttlich?)

der Gerechtigkeit nährt und das Feuer

der Gleichgültigkeit löscht

DIE JUGEND

die den Fortschritt nicht fürchtet

hat weder Angst bis zur Gefahr

der imaginären globalen Agora vorzudringen

noch auf realen Plätzen zu schreien oder das Bewusstsein

der sogenannten Mächtigen aufzurütteln

(das kann und soll)

die künftige Aufgabe sein für den

WIEDERAUFBAU

DENN

Der Erde

mangelt es weder

an Ort noch an

Traumidealisierung einer unmöglichen Gesellschaft

oder Illusionen

ABER

verwandle

DENKEN UND WIRKLICHKEIT

bewusst

JETZT

und nur jetzt

ist es möglich sich zu engagieren

um eine Welt zu erschaffen

in der

der Frieden Herrscher wird

die Erde verwandelt sich in

WELTORT

EIN RAUM FÜR ALLE

wo der Einzelne und die Gesellschaft

in der gemeinsamen Umarmung

die Wälle niederreißen

JETZT

und nur jetzt

ist die Zeit jenes Richtige

DIE ZEIT

des Menschen der das Blendwerk seiner selbst ablegt

wird nach einer Zeit

Vater Sohn Mutter Bruder Freund

Freier Surfer

auf dem Gebiet der Richtigen Dimension

Ins Deutsche übersetzt von Juana und Tobias Burghardt

Else Lasker-Schüler: Ein Lied

Else Lasker-Schüler

Ein Lied

Hinter meinen Augen stehen Wasser,
die muss ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,
mit den Zugvögeln fort;

bunt atmen mit den Winden
in der großem Luft.

O ich bin traurig…
das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel samtne Andacht
und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinen steinernen Herzen
meine Flügel brachen,

fielen die Amseln wie Trauerrosen
hoch von blauen Gebüsch.

Alles verhaltene Gezwitscher
will wieder jubeln,

und ich möchte auffliegen
mit den Zugvögeln fort.

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe

Ich weiß den Tag, da ich zum ersten Mal

Den Kampf der Liebe stritt und zu mir sprach:

Ist das die Liebe, weh, wie schafft sie Qual!

Am Boden haftete der Blick, doch ach,

Ich sah nur Sie, die mit unschuld’gem Triebe

Zuerst sich Bahn zu diesem Herzen brach.
Wie schlimm mißhandelt hast du mich, o Liebe!

Warum nur stürzt uns diese süße Lust

In solcher Schmerzen sehnliches Getriebe!
Nicht sanft, nicht heiter ward ich mir bewußt

Der neuen Macht. Sie kam mit Weh und Klagen

Und schnürte mir mit dunkler Angst die Brust.

/\

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe 2/10

Sprich, zärtlich Herz, was machte dich verzagen,

Was bebtest du so tief vor dem Gedanken,

Der aller Wonnen Preis davongetragen?
Bei dem Gedanken, der sich ohne Wanken

Dir Tags gesellt‘ und Nachts dir raunte zu

Süßschmeichelnd, wenn in Schlaf die Fluren sanken?
In Unruh‘, Glück und Jammer stürmtest du

Lautpochend fort und fort an dein Gefängniß

Und scheuchtest mir von meinem Pfühl die Ruh‘.
Und wenn ich, matt von glühender Bedrängniß,

Die Augen schloß zum Schlummer, o wie bald

Verstört‘ ihn, wie im Fieber, Traumesbängniß!

/\

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe 3/10

Wie leibhaft stand die reizende Gestalt

Im Finstern da, und ob ich auch die Lider

Zudrückte, sie erblickt‘ ich tausendfalt.
Wie floß mit süßem Grau’n durch meine Glieder

Verworrne Glut, wie wogten ohne Stocken

Gedanken durch den Geist mir auf und nieder.
So fährt ein Zephyr durch die dichten Locken

Des alten Waldes, im Vorüberschweben

Ihm lange, bange Klagen zu entlocken.

Und da ich schweigend stand, wehrlos ergeben,

Was sagtest du, o Herz, als sie nun ging,

Um die in tiefer Noth du solltest beben?

/\

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe 4/10

Kaum, daß ich völlig an zu lodern fing,

So war des Lüftchens linder Hauch entschwunden,

Durch das ich Kühlung meiner Glut empfing.
Wach lag ich noch in frühen Morgenstunden,

Da stampfend schon an unsres Hauses Thor

Die Räuber meines Glücks, die Rosse stunden.
Und ich, verzagt und stumm, ein blöder Thor,

Hielt zum Balcon hin in den Finsternissen

Umsonst mein Aug‘ und mein begierig Ohr,
Ob ich noch einmal, eh‘ sie würd‘ entrissen,

Die Stimme hörte, die geliebte, traute,

Die Stimme nur! Mehr sollt‘ ich ewig missen.

/\

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe 5/10

Doch immer trafen nur gemeine Laute

Mein zweifelnd Ohr; ein Frösteln fiel mich an,

Indeß ich kaum zu athmen mir getraute.
Und als die theure Stimme endlich dann

Mir an die Seele drang und von den Rossen

Und Rädern schlug der Lärm zu mir hinan,
Da, nun verwais’t, die Augen fest geschlossen,

Vergrub im Pfühl ich zuckend mein Gesicht,

Die Hand aufs Herz gepreßt, in Gram zerflossen.
Dann wankend unter meines Grams Gewicht

Schleppt‘ ich mich dumpf durchs schweigende Gemach

Und sprach: Was nun auch kommt, es rührt dich nicht!

/\

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe 6/10

Und bitterlich ward die Erinnrung wach

In meiner Brust, für jedes Bild verschlossen,

Für jede Stimme, die zum Herzen sprach.

 

Ein öder Schmerz war über mich ergossen,

Wie wenn der Regen weit und breit ins Land

Herniederrieselt, traurig und verdrossen.
Noch hatt‘ ich dich, o Liebe, nicht gekannt,

Und achtzehn Sommer lebt‘ ich bis zum Tage,

Wo ich mit Thränen deine Macht empfand.
Entwerthet war mir wie mit einem Schlage

Jedwede Lust, die heil’ge Morgenfrühe,

Der Sterne Glanz, des Frühlings Blütenhage.

/\

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe 7/10

Ich fühlte, wie die Sehnsucht selbst verglühe

Nach Ruhm, von der so heiß mein Busen brannte;

Nur Schönheit noch erschien mir werth der Mühe.
Nicht mehr zu den vertrauten Büchern wandte

Sich Aug‘ und Sinn. Leer schien mir auf einmal,

Was ich zuvor als einzig werth erkannte.
Wie hatt‘ ich mich verwandelt! ach, wie stahl

Die neue Leidenschaft mein Herz der alten!

Traun, eitle Menschen sind wir allzumal.
Nur noch mein Herz gefiel mir, Zwiesprach halten

Mit ihm, in ew’ge Träumerei begraben,

Und meinen Kummer hüten vorm Erkalten.

/\

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe 8/10

Nichts wollte mehr der Blick zu schauen haben,

Ob schön, ob häßlich; in sich selbst gekehrt,

Am eignen Licht nur wollt‘ er sich erlaben;
Aus Furcht, das reine Bild, so keusch verklärt,

Getrübt zu sehn im Spiegel meiner Brust,

Wie Seeflut, über die ein Lüftchen fährt.
Und jene Reue, daß ich nicht gewußt

Voll auszukosten, was so schön und gut,

Sie, die Vergifterin entschwundner Lust,

Trieb ihren Dorn mir rastlos in das Blut

Im Rückgedenken; ob auch noch die Pein

Der Schuld nicht an mir nagt‘ in wilder Glut.

/\

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe 9/10

Euch, edle Seelen, dir, du Sonnenschein,

Schwör‘ ich’s: kein niedrer Wunsch hat mich verzehrt;

Die Glut in mir war sündelos und rein.
Und noch wird diese Flamme fortgenährt,

Noch lebt das schöne Bild in meiner Seele,

Und ob sie nur ein Traumglück mir gewährt –
Sie bleibt der Trost, den ich allein erwähle!

 

Quelle:
Leopardi, Giacomo: Gedichte und Prosaschriften. Berlin 1889, S. 61-65.
Lizenz: Gemeinfrei

/\

Giacomo Leopardi: Die erste Liebe 10/10

Gewidmet: Christiane S. (1953-2009)
 George Sherban, formerly known as JOHOR, Abgesandter (Grad 9) – 87. der Periode der Letzten Tage:
<cu> on CANOPOS or again in Zone 6 *)
Als du schon erwachsen warst,
benahm ich mich noch wie ein Kind.
Endlich, nach einer langen Phase mit verminderter Impulskontrolle
hatte ich die Adoleszenz überwunden,
da hattest du schon mit dem Leben abgeschlossen.
Dein Sterben endete nach mehr als drei Dekaden,
seitdem vermisse ich dich jeden Tag umso mehr.
Wo immer du gerade sein magst, rufe ich Dir zu: <cu>,
wann und wo das immer sein wird.
*) Zum Wiederaufbau von Rohanda nachdem sie zu Shikasta geworden ist und alle Kulturen ausgelöscht sind und nichts als Zerstörung, innere Leere und moralischer Niedergang zurück bleibt

Ludwig Rubiner: Die Stadt

Ludwig Rubiner

Die Stadt

Er kam vom Hügel. Ein ferner Stern zog weiß
Die Straße zur Tiefe. Die Füße sprangen schnell,
Die Augen stachen durchs gelbgeballte Haar.
Die Nacht sprang aus der Erde, blau und leis.
Der weiße Stern stand weit, die Nacht lag hell.
Die Nacht zerriss den Stern zum weißen Paar,
Die Straße wich zurück in blauem Lauf,
Die Sterne zuckten hastig höher auf.
Ein Wind zog herüber, irr von Geschrei und heiß.

Er lief schon schwankend. Glückselig sah er sacht
Die Straße rollen rötlich zum silbernen Schein
Der riesigen Türme. Deren Lampen schwangen
Spielend mit den Ufern der blitzenden Nacht
An der Straße über verblassendem Stein.
Die Füße hoben sich zum Flug und sprangen.
Die Nacht wurde klein, die Straße raschelte still.
Da schossen die Lampen zur Höhe und rissen schrill
Die Türme in den dunklen, ungeheuren Schacht.

Dunkel von Röcken und Hüten schwankt eine Wand;
Nur ihm hing nackt das gelbe Haar ums Gesicht.
Das Schattengewühl der Menge zog zur Stadt.
Da rissen die Türme die Straße breit ins Licht,
Die Lampenaugen, ewig wach, zuckten matt
Über den Glanz der Hüte ins steinerne Land.
Geschrei der Menge lief um die steilen Flanken
Der dunklen Terrasse. Sie saßen lässig und tranken.
Da sah er zwischen den Türmen das Seil gespannt.

Ein nackter Schatten wiegte es. Er blieb stehn,
Die Menschen wichen schweigend zu den Seiten.
Er stand unterm Seil. Sie rückten die Hüte nicht.
Er sah die nackte Frau übers Seil hingleiten.
Er stand ohne Atem. Er sah hoch oben das Licht
Laufen über die hellen Schenkel und Zehn.
Zur Stadt hinter den Türmen drängte die Menge vorbei.
Ein Wind flog über die Mauer, heiß von Geschrei.
Niemand im schwarzen Gewühl hatte aufwärts gesehn.

Die Augen der Lampen zuckten über die Frau.
Das Seil schwankte kreisend, als sie schnell sprang.
Sie war ernst, hoch oben. Ein Turmlicht zischte weiß,
Sie lächelte im Sprung zur Seite, wo es sang.
Das Turmlicht drückte ihr Haar im Schattenkreis
Hell auf die Nacht. Das Licht reckte sich lau
Zum blonden Stern des Bauchs. Ein Schattengürtel band
Sich schmal um sie. Flog hinauf. Verschwand.
Sie bückte sich und hob die Arme ins Blau.

Sie sprang ernst. Sie sah ihn und lächelte leer.
Die Menschen liefen zur Stadt durch die Mäuler der Steine.
Er stand im Gewühl ohne Atem. Das Turmlicht pfiff.
Über den steilen Glanz ihrer tanzenden Beine
Rannen siedende Blasen des Lichts hin und her –
Als sie plötzlich ins blaue Luftlicht griff.
Sie schwankt schon grinsend. Zur Nacht hinauf krallen
Zwei Falten. Aber niemand bleibt stehn. Sie muss fallen!
Der helle Stern ihres Bauchs zittert so sehr.

Die Häuser taumeln. Blass steigt ein weiter Kreis
Von bleichen Mauern auf im grünlichen Schein. –
Die Lampenaugen, ewig wach, zuckten matt
Über blaue Terrassen. Die Straßen raschelten leis.
Im Schattengewühl der Menge stand er klein.
Er lief klein und wild. Die Nacht sprang aus der Stadt.
Er lief über den Hügel. Die Nacht lag hell.
Fern stand ein weißer Stern. Die Füße sprangen schnell.
Ein Wind zog herüber, bunt von Geschrei und heiß.

 

Wu Zetian: Dringender Bescheid an den Frühling

武则天 Wu Zetian (624 – 705)

腊日宣诏幸上苑

Dringender Bescheid an den Frühling

明朝游上苑, Ich werde morgen im Garten lustwandeln
火急报春知。 An den Frühling geht dringend folgender Bescheid
花须连夜发, Über Nacht soll er alles erblühen lassen
莫待晓风吹。 Nicht warten bis der Wind weht zur Morgenzeit

 

Hugo Ball: Der Pasquillant

Hugo Ball

Sieben schizophrene Sonette

6. Der Pasquillant

Auch konnt es unserm Scharfsinn nicht entgehen,
Daß ein Herr Geist uns zu bemäkeln pflegt,
Indem er ein Pasquill zusammenträgt,
Das ihm die Winde um die Ohren säen.

Bald kritzelt er, bald hüpft er aufgeregt
Um uns herum, dann bleibt er zuckend stehen
Und reckt den Schwartenhals, um zu erspähen,
Was sich in unserm Kabinett bewegt.

Den Bleistiftstummel hat er ganz zerbissen,
Die Drillichnaht ist hinten aufgeschlissen,
Doch dünkt er sich ein Diplomatenjäger.

De fakto dient bewußter Schlingenleger
Dem Kastellan als Flur- und Straßenfeger
Und hat das Recht die Kübel auszugießen.