Christian Morgenstern: Galgenlieder

Christian Morgenstern

Galgenlieder

Das Mondschaf

Das Mondschaf sagt sich selbst gut Nacht,
d.h., es wurde überdacht
von seinem eigenen Denker:
Der übergibt dies alles sich
mit einem kurzen Federstrich
als seinem eigenen Henker.

Christian Morgenstern: Galgenlieder

Christian Morgenstern

Galgenlieder

Der Hecht

Ein Hecht, vom heiligen Anton
bekehrt, beschloß, samt Frau und Sohn,
am vegetarischen Gedanken
moralisch sich emporzuranken.

Er aß seit jenem nur noch dies:
Seegras, Seerose und Seegrieß.
Doch Grieß, Gras, Rose floß, o Graus,
antsetzlich wieder hinten aus.

Der ganze Teich war angesteckt.
Fünfhundert Fische sind verreckt.
Doch Sankt Anton, gerufen eilig,
sprach nichts als „Heilig! heilig! heilig!“

Christian Morgenstern: Das Nasobem

Christian Morgenstern

Galgenlieder

Das Nasobem

Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobem,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobem.

Christian Morgenstern: Galgenbruders Frühlingslied

Galgenbruders Frühlingslied

Es lenzet auch auf unserm Span,
o selige Epoche!
Ein Hälmlein will zum Lichte nahn
aus einem Astwurmloche.

Es schaukelt bald im Winde hin
und schaukelt bald drin her.
Mir ist beinah, ich wäre wer,
der ich doch nicht mehr bin..

Quelle:
Christian Morgenstern:
Ausgewählte Werke. Leipzig 1975, S. 252-253.