Johann Wolfgang von Goethe: Faust I – Faust und Gretchen Die Gretchenfrage

Johann Wolfgang von Goethe

Faust I – Faust und Gretchen

Die Gretchenfrage

GRETCHEN: … Glaubst du an Gott?
FAUST: Mein Liebchen, wer darf sagen:
Ich glaub an Gott!
Magst Priester oder Weise fragen,
Und ihre Antwort scheint nur Spott
Über den Frager zu sein.
GRETCHEN: So glaubst du nicht?

/\
FAUST: Mißhör mich nicht, du holdes Angesicht!
Wer darf ihn nennen
Und wer bekennen:
Ich glaub‘ ihn.
Wer empfinden
Und sich überwinden
Zu sagen: ich glaub ihn nicht!
Der Allumfasser,
Der Allerhalter,
Faßt und erhält er nicht
Dich, mich, sich selbst?
Wölbt sich der Himmel nicht dadroben?
Liegt die Erde nicht hierunten fest?
Und steigen freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf?

/\

Schau ich nicht Aug in Auge dir,
Und drängt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir
Und webt in ewigem Geheimnis
Unsichtbar-sichtbar neben dir?
Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn es dann, wie du willst:
Nenns Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.

/\
GRETCHEN: Das ist alles recht schön und gut;
Ungefähr sagt das der Pfarrer auch,
Nur mit ein bißchen andern Worten.
FAUST: Es sagens allerorten
Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
Jedes in seiner Sprache:
Warum nicht ich in der meinen?

   – aus Faust I, Zeilen 3426-3465

Johann Wolfgang von Goethe: Faust I – Faust and Gretchen: The Gretchen Question

Johann Wolfgang von Goethe

Faust I – Faust and Gretchen
The Gretchen Question

GRETCHEN: … Do you believe in God?
FAUST: My darling, who can (really) say:
I believe in God!
You may ask priests or wise men,
And their answer seems but a mockery
Of the questioner to be.
GRETCHEN: So you do not believe?
FAUST: Don’t misunderstand me, you lovely sight!
Who may name Him,
And who declare:
I believe in Him.

/\
Who can feel
And dare
To say: I do not believe in Him!
The all-embracing one,
The all-preserving one,
Does He not embrace and preserve
You, me, (and) Himself?
Does the sky not arch above us up there?
Does the earth not lie firm down here?
And do not with kind glance
The eternal stars rise?
Do I not look at you eye to eye,
And does not everything press
Upon your head and heart
And weave in eternal mystery
Invisible and visible around you?

Fill your heart, as big as it is, from that

/\

And when you are completely blissful in the feeling,
Then call it what you like:
Call it happiness! Heart! Love! God!
I have no name
For it! Feeling is everything;
(The) name is sound and smoke,
Enshrouding heaven’s glow.
GRETCHEN: That is all quite fine and good;
Much the same thing says the pastor, too
Only with slightly different words.
FAUST: It is said everywhere (by)
All hearts under the heavenly day,
Each in its own language:
Why not I in mine?

   – From Faust I, lines 3426-3465

Montag, 23.Januar 2012

Der 23. Januar (in Österreich und Südtirol: 23. Jänner) ist der 23. Tag des Gregorianischen Kalenders, somit verbleiben 342 Tage (in Schaltjahren 343 Tage) bis zum Jahresende.

Christiane-von-Goethe-Vulpius

© Johann Wolfgang von Goethe [Public domain], durch Wikimedia Commons

Christel

Habe oft einen dampfen, düstern Sinn,
Ein gar so schweres Blut!
Wenn ich bei meiner Christel bin,
Ist alles wieder gut.
Ich seh sie dort, ich seh sie hier
Und weiss nicht auf der Welt,
Und wie und wo und wann sie mir,
Warum sie mir gefällt.

Das schwarze Schelmenaug dadrein,
Die schwarze Braue drauf,
Seh ich ein einzig Mal hinein,
Die Seele geht mir auf.
Ist eine, die so lieben Mund,
Liebrunde Wänglein hat?
Ach, und es ist noch etwas rund,
Da sieht kein Aug sich satt!

Und wenn ich sie denn fassen darf
Im luft’gen deutschen Tanz,
Das geht herum, das geht so scharf,
Da fühl ich mich so ganz!
Und wenn’s ihr taumlig wird und warm,
Da wieg ich sie sogleich
An meiner Brust, in meinem Arm;
’s ist mir ein Königreich!

Und wenn sie liebend nach mir blickt
Und alles rund vergisst,
Und dann an meine Brust gedrückt
Und weidlich eins geküsst,
Das läuft mir durch das Rückenmark
Bis in die grosse Zeh!
Ich bin so schwach, ich bin so stark,
Mir ist so wohl, so weh!

Da möcht ich mehr und immer mehr,
Der Tag wird mir nicht lang;
Wenn ich die Nacht auch bei ihr wär,
Davor wär mir nicht bang.
Ich denk, ich halte sie einmal
Und büsse meine Lust;
Und endigt sich nicht meine Qual,
Sterb ich an ihrer Brust!
Goethe Signature

© Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) [Public domain], durch Wikimedia Commons
– Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832, deutscher Dichter –
Gedichte, Ausgabe letzter Hand 1827.

Johann Wolfgang von Goethe (* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar), geadelt 1782, war ein deutscher Dichter. Er forschte und publizierte außerdem auf verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebieten. Ab 1776 bekleidete er am Hof von Weimar unterschiedliche politische und administrative Ämter.

Goethes literarische Produktion umfasst GedichteDramenerzählende Werke (in Vers und Prosa), autobiografische, ästhetische, kunst- und literaturtheoretische sowie naturwissenschaftliche Schriften. Auch sein umfangreicher Briefwechsel ist von großer literarischer Bedeutung. Goethe war ein Vorreiter und der wichtigste Vertreter desSturm und Drang. Sein Roman Die Leiden des jungen Werthers machte ihn 1774 in ganz Europa berühmt. Später wandte er sich inhaltlich und formal den Idealen derAntike zu und wurde ab den 1790er Jahren, gemeinsam mit Friedrich Schiller und im Austausch mit diesem, zum wichtigsten Vertreter der Weimarer Klassik. Im Alter galt Goethe auch im Ausland als Repräsentant des geistigen Deutschland.

Während die Wertschätzung Goethes nach seinem Tode zunächst abnahm, wurde er im Deutschen Kaiserreich ab 1871 „zum Kronzeugen der nationalen Identität der Deutschen“[2] und als solcher für den deutschen Nationalismus vereinnahmt. Es setzte nun eine Verehrung nicht nur des Werks, sondern auch der Persönlichkeit des Dichters ein, dessen Lebensführung als vorbildlich empfunden wurde. Bis heute gilt Goethe als bedeutendster deutscher Dichter, sein Werk wird zu den Höhepunkten derWeltliteratur gezählt.

Christel

Ein Song aus dem Repertoire der Band KRANZER
Musik und Komposition: Raphael Grosch
Gesang: Raphael Grosch
Text: Johann Wolfgang von Goethe