Rainer Maria Rilke: Der Knabe

Rainer Maria Rilke

Der Knabe

Ich möchte einer werden so wie die,
die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren,
mit Fackeln, die gleich aufgegangnen Haaren
in ihres Jagens großem Winde wehn.
Vorn möcht ich stehen wie in einem Kahne,
groß und wie eine Fahne aufgerollt.
Dunkel, aber mit einem Helm von Gold,
der unruhig glänzt. Und hinter mir gereiht
zehn Männer aus derselben Dunkelheit
mit Helmen, die, wie meiner, unstät sind,
bald klar wie Glas, bald dunkel, alt und blind.
Und einer steht bei mir und bläst uns Raum
mit der Trompete, welche blitzt und schreit,
und bläst uns eine schwarze Einsamkeit,
durch die wir rasen wie ein rascher Traum:
Die Häuser fallen hinter uns ins Knie,
die Gassen biegen sich uns schief entgegen,
die Plätze weichen aus: wir fassen sie,
und unsre Rosse rauschen wie ein Regen.

Freitag, 9. Dezember 2011

Der 9. Dezember ist der 343. Tag des Gregorianischen Kalenders (der 344. in Schaltjahren), somit bleiben 22 Tage bis zum Jahresende.

Liebe - © Rudolpho Duba / PIXELIO

Liebe – © Rudolpho Duba / PIXELIO

Lieben
Ι
Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,
kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
Und hing mit gefalteten Schwingen groß
An meiner blühenden Seele…
II
Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,- mir bangte fast vor seiner schweren Pracht… Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise erklang die Nacht…
III
Einen Maitag mit dir beisammen sein,
und selbander verloren ziehn
durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn zu der Laube von weißem Jasmin.
Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,
jeder Wunsch in der Seele so still…
Und ein Glück sich mitten in Mailust baun,
ein großes, – das ist’s, was ich will…
IV
Ich weiß nicht, wie mir geschieht…
Weiß nicht, was Wonne ich lausche,
mein Herz ist fort im Rausche,
und die Sehnsucht ist wie ein Lied.

Und mein Mädel hat fröhliches Blut
und hat das Haar voller Sonne
und die Augen von der Madonne,
die heut noch Wunder tut.

Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz; eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke) Lyriker deutscher Sprache.

Aus „TRAUMGEKRÖNT“ (1896)